Emotional Insourcing

    Das Resilienzrad: sechs Ringe — und der wichtigste liegt ganz innen

    Marco Pasinivon Marco Pasini5. November 20269 Min. Lesezeit
    Ein altes Holzrad von oben, die Nabe scharf, der Reifen weich auslaufend – Bild für das Resilienzrad mit seinen sechs Ringen.

    Du schläfst einigermaßen. Du trainierst. Du hast gute Menschen um dich, eine Achtsamkeits-App auf dem Handy und einen Kalender, der Pausen kennt.

    Und trotzdem läuft es an manchen Tagen schwer. Als würde etwas bremsen, das du nicht siehst.

    Die Werkzeuge sind längst da. Was oft fehlt, ist ein Bild davon, wo sie ansetzen.

    Resilienz als Rad

    Ein Rad hat eine Nabe, eine Felge und einen Reifen. Am Reifen wird es sichtbar: Dort berührt es die Straße, dort nutzt es sich ab. An der Felge sieht man die Dellen. Die Nabe sieht man kaum. Trotzdem entscheidet sie, ob das Rad rund läuft.

    Mit Resilienz ist es ähnlich. Alle reden darüber. Fast alle arbeiten an der Felge — an den Lebensbereichen, die gerade drücken, und an den Umständen, die von außen kommen. Die Nabe bleibt meistens unbeachtet, und der Reifen auch.

    Das Resilienzrad ist ein Modell aus sechs konzentrischen Ringen — der Nabe aus Emotional Home und Warum, Wahrnehmung und emotionaler Regulationsfähigkeit, Physiologie, Können, Lebensbereichen und Glaubenssätzen —, das zeigt, wo Resilienz entsteht, wo sie gebremst wird und wo ihre Grenze liegt.

    GLAUBENSSÄTZEArbeitPersönlichesPartnerschaftFamilieGemeinschaftKönnenPhysiologieWahrnehmung & RegulationEmotionalHomeDeinWarum
    Das Resilienzrad von innen nach außen: die Nabe aus Emotional Home und Warum, Wahrnehmung & Regulation, Physiologie, Können, die Lebensbereiche — und außen der Reifen der Glaubenssätze, der das Rad auf die Straße bringt.

    Von innen nach außen:

    Die Nabe: Emotional Home und Warum

    Ganz innen sitzt ein Paar. Zwei Hälften, die ineinandergreifen wie Yin und Yang.

    Die eine Hälfte ist das Emotional Home, dein Grundzustand: der Zustand, in den du zurückkehrst, wenn nichts los ist. Sonntagabend, Leerlauf, die zehn Minuten im Auto nach dem Termin. Wie gern bist du dann in deiner eigenen Gesellschaft? Kannst du mit dir allein sein, ohne nach dem Handy, der nächsten Aufgabe oder einem Menschen zu greifen? Für manche ist dieser Ort ruhig und dankbar. Für andere ist er unruhig, leer oder unter Strom — und dann wird jeder freie Moment zu etwas, das gefüllt werden muss.

    Die andere Hälfte ist das Warum: das, was dich in die Zukunft zieht. Manche nennen es Vision, andere Mission. Entscheidend sind zwei Dinge: Hast du es selbst gewählt? Und kannst du es fühlen?

    Die Nabe des Resilienzrads besteht aus zwei Hälften, die sich gegenseitig beeinflussen: dem Emotional Home, also dem Grundzustand, in den du zurückkehrst, wenn nichts los ist, und dem Warum, das dich in die Zukunft zieht.

    Die beiden Hälften bedingen einander. Wer gern bei sich ist, hat meist ein Warum, das zieht. Es speist sich aus der Verbindung mit sich selbst und liefert Energie nach wie ein kleiner Reaktor, ohne dass jemand nachlegen muss.

    Wer es mit sich allein kaum aushält, baut sich oft ein Warum, das antreibt: den nächsten Abschluss, die Anerkennung, das Gefühl, endlich genug zu sein. Dann wird das Warum zur Kompensation. Es verbraucht Energie, will ständig nachgefüttert werden, und jeder Rückschlag trifft direkt den Kern.

    Umgekehrt wirkt es genauso. Ein Warum, das in Selbstliebe geankert ist, macht das Emotional Home ruhiger, weil der eigene Wert unabhängig vom Ergebnis feststeht. Wer das weiß, kann mehr wagen, weil weniger auf dem Spiel steht.

    Ring 2: Wahrnehmung und emotionale Regulationsfähigkeit

    Der zweite Ring hat zwei Schritte. Der erste: Spürst du, was gerade in dir los ist, und kannst du es benennen? Der zweite: Kannst du deinen Zustand verändern, ohne dass sich die Umstände dafür ändern müssen?

    Wahrnehmung kommt zuerst. Wer nicht merkt, dass er erschöpft ist, kann auf die Erschöpfung nicht reagieren. Wer nicht spürt, dass Ärger aufsteigt, handelt, bevor er entscheiden kann. Erst was wahrgenommen ist, lässt sich regulieren.

    Regulation ist dann der Hebel. Der Körper reagiert sehr oft auf eine Interpretation — auf das, was wir uns über eine Situation erzählen — und viel seltener auf eine echte Gefahr in diesem Augenblick. Wer seinen Zustand regulieren kann, unterbricht genau diese Kette. Atemarbeit, Bewegung, ein bewusster Moment der Präsenz: Das sind Werkzeuge für diesen Ring, und zwar aus einem funktionalen Grund. Sie holen dich zurück in den Moment, in dem du tatsächlich bist.

    Emotionale Regulationsfähigkeit ist die Fähigkeit, den eigenen Zustand wahrzunehmen und zu verändern, ohne dass sich dafür die Umstände verändern müssen.

    Ring 3: Physiologie

    Der dritte Ring ist die Physiologie: Schlaf, Bewegung, Ernährung, Regeneration — alles, was den Körper als System betrifft.

    Er wird gern als Basis-Hygiene abgehakt. Im Rad hat er eine tragende Rolle, und zwar in beide Richtungen. Nach innen entscheidet er, wie viel Wahrnehmung überhaupt möglich ist — wer chronisch übermüdet ist, spürt vor allem Müdigkeit, und ein erschöpfter Körper reguliert schlechter. Nach außen entscheidet er, wie viel Können abrufbar ist.

    Ohne diesen Ring bleiben die inneren Ringe Theorie und die äußeren Anstrengung.

    Ring 4: Können

    Der vierte Ring ist das, was dir leicht fällt und was dich trägt. Das, worin du durch Wiederholung und Erfahrung eine echte Meisterschaft entwickelt hast — im Verhandeln, im Kochen, im Aufräumen eines Konflikts oder einer Küche.

    Können wirkt über seinen eigenen Bereich hinaus. Wo vorher Unsicherheit war, entsteht Flow. Die emotionale Energie, die früher in Anspannung gebunden war, wird frei — und diese Freiheit strahlt in Bereiche aus, die mit der Tätigkeit selbst nichts zu tun haben. Wer an einer Stelle erlebt, dass er etwas wirklich beherrscht, steht auch anderswo sicherer.

    Ring 5: die Lebensbereiche

    Der fünfte Ring ist das Feld, in dem das Leben stattfindet. Wir sind zu jeder Zeit in allen Lebensbereichen gleichzeitig, auch wenn sich gerade nur einer laut meldet.

    Eine mögliche Aufteilung sieht so aus:

    – Arbeit und Business – Persönliches, inklusive Gesundheit – Partnerschaft, inklusive Finanzen – Familie – Gemeinschaft, Freundschaft und Geben

    Das ist ein Beispiel. Menschen haben unterschiedliche Lebensbereiche, und sie schneiden sie unterschiedlich zu. Setz gern deine eigenen ein. Die Beobachtung dahinter gilt für jede Aufteilung:

    Die Lebensbereiche sind die Schwungmasse des Rades. Ein starker Bereich kann einen Einbruch anderswo eine Weile abfedern. Eine dauerhafte Delle in einem Bereich lässt dagegen das ganze Rad unrund laufen, auch dort, wo eigentlich alles stimmt.

    Hier setzt die meiste Resilienzarbeit an, und das hat einen Grund: An der Felge sieht man die Wirkung zuerst. Was Resilienz darüber hinaus ausmacht, zeigt sich weiter innen — und ganz außen, am Reifen.

    Ring 6: Glaubenssätze — expansiv oder verengend

    Der äußerste Ring umschließt alles. Er besteht aus den Sätzen, die wir über uns und die Welt glauben. Die meisten davon sind uns nicht bewusst. Trotzdem entscheiden sie, was wir uns zutrauen, was wir uns erlauben und wo wir stehen bleiben.

    Man kann sich diesen Ring vorstellen wie den Reifen: das Gummi mit seinem Profil. Nur dort berührt das Rad die Straße. Dort entscheidet sich, ob die Kraft aus dem Inneren ankommt — und dort nutzen wir uns ab. Und das Profil ist bei jedem Menschen anders. Es ist das, was uns einzigartig macht.

    Entscheidend ist, wie der Belag greift.

    Expansive Glaubenssätze öffnen: „Ich kann das lernen." „Ich darf mir Hilfe holen." „Ruhe macht mich stärker." Sie sind wie ein Profil mit Grip: Sie bringen die PS auf die Straße. Mit ihnen hat das Rad keine feste Grenze. Es kann wachsen, so weit die inneren Ringe es tragen.

    Verengende Glaubenssätze ziehen zusammen: „Ich muss das allein schaffen." „Wenn ich nachlasse, falle ich zurück." „Ich bin nicht genug." Sie sind wie abgefahrenes Gummi auf nasser Fahrbahn: Der Motor läuft, die Kraft ist da, und trotzdem schlittert das Rad. Und sie setzen ihm eine Obergrenze — eine gläserne Decke, die man nicht sieht und trotzdem jedes Mal spürt, wenn es eigentlich weitergehen könnte. Der Psychologe Gay Hendricks hat diesem Muster einen Namen gegeben: das Upper Limit Problem. Wer sich der eigenen Decke nähert, findet oft unbewusst einen Weg zurück darunter — mit einem Streit, einer Ablenkung, einem kleinen Rückzieher im entscheidenden Moment.

    Glaubenssätze sind der Reifen des Resilienzrads: Expansive bringen die Kraft aus dem Inneren auf die Straße und lassen der Resilienz Raum nach oben, verengende lassen sie durchdrehen und ziehen ihr eine Obergrenze ein — eine gläserne Decke, unter der das ganze Rad bleibt.

    Und sie bleiben nicht im Kopf. Über die Psychosomatik wirken Glaubenssätze direkt auf die Physiologie. Ein Satz wie „Ich darf nicht nachlassen" hält den Körper in einer leisen Daueranspannung. Chronischer, unbewusster Stress verschlechtert den Schlaf. Schlechter Schlaf führt in die Erschöpfung. Erschöpfung schwächt die Regulationsfähigkeit und die Resilienz in allen Lebensbereichen. Der äußerste Ring greift damit direkt auf Ring 3 zu — und über ihn auf alles, was innen liegt.

    Vieles davon beginnt als Sorge, also als Vorstellungskraft, die gegen uns arbeitet.

    Wie die Ringe zusammenhängen

    Das Rad sieht aus wie eine Folge von Schichten. In Wirklichkeit ist es ein System, und an einer Stelle berühren sich innen und außen direkt.

    Das Emotional Home ist selbst ein Glaubenssatz — der tiefste, den du über dich hast. „Bei mir bin ich sicher." Oder: „Allein mit mir wird es unruhig." Auch das Warum ruht auf so einem Satz: „Ich darf wollen, was mich zieht." Oder: „Ich muss mir meinen Platz erst verdienen."

    Was außen als Glaubenssatz drückt, sitzt innen als Grundzustand. Deshalb verändert sich die Nabe mit, wenn ein verengender Satz sich löst. Und deshalb trägt eine starke Nabe auch durch Phasen, in denen außen noch der eine oder andere enge Satz wirkt.

    Die Sätze, an denen wir unseren Wert festmachen, sind gelernt — und was gelernt ist, lässt sich neu lernen.

    Wenn der äußere Ring sich löst

    Viele verengende Glaubenssätze haben dieselbe Form: „Ich bin nicht …" — nicht genug, nicht sicher, nicht liebenswert, nicht fähig.

    Ein großer Teil innerer Arbeit läuft darauf hinaus, in diesem Satz das „nicht" zu streichen. Aus „Ich bin nicht genug" wird „Ich bin". Damit wandert der eigene Wert von außen nach innen — und mit ihm die Sicherheit. Das Emotional Home wird ein Ort, an den man gern zurückkehrt.

    Wenn der äußere Ring sich weitet, hebt sich die gläserne Decke, der Reifen greift, und das ganze Rad dehnt sich. Der Körper entspannt, der Schlaf wird ruhiger, die Regulation leichter, das Können freier, die Lebensbereiche bekommen Platz. Und die Nabe bekommt den Raum, den sie braucht, um zu tragen.

    Ein Rad mit starker Nabe und griffigem Profil kommt auch dann voran, wenn ein einzelnes Segment gerade schwach ist.

    Was das im Alltag heißt

    Drei Fragen, eine für jede Zone des Rades:

    Wie gern bin ich mit mir allein — und was zieht mich nach vorn? Ein Abend ohne Rolle und ohne Aufgabe zeigt beides recht schnell.

    Was spüre ich gerade — und was brauche ich, um wieder in meinen Grundzustand zu kommen? Ein Atemzug, ein Gang um den Block, eine Pause reichen oft schon.

    Welcher Satz hält mein Rad klein? Meistens ist es einer, der mit „Ich bin nicht …" oder „Ich muss …" beginnt.

    Die Bewegung durch das Rad lässt sich in drei Sätzen beschreiben: im Moment sein, annehmen, was ist, und aus Liebe handeln statt aus Angst reagieren. Ihnen widmet sich ein eigener Beitrag.

    Häufige Fragen

    Ein Modell aus sechs konzentrischen Ringen: der Nabe aus Emotional Home und Warum, Wahrnehmung und emotionaler Regulationsfähigkeit, Physiologie, Können, Lebensbereichen und Glaubenssätzen. Es zeigt, wo Resilienz entsteht, wo sie gebremst wird und wo ihre Grenze liegt.

    Dein Grundzustand: der Zustand, in den du zurückkehrst, wenn nichts los ist — am Sonntagabend, im Leerlauf, im Auto nach einem Termin. Es zeigt sich daran, wie gern du in deiner eigenen Gesellschaft bist und wie leicht du mit dir allein in Ruhe bleiben kannst. Im Kern ist es der tiefste Glaubenssatz, den du über dich hast.

    Expansive Sätze öffnen und lassen der Resilienz Raum nach oben — wie ein Profil mit Grip. Verengende ziehen zusammen und setzen eine Obergrenze, eine gläserne Decke — wie ein Reifen, der schlittert. Beide wirken über die Psychosomatik bis in die Physiologie: Verengende Sätze halten den Körper in Daueranspannung, mit Folgen für Schlaf, Energie und Regulationsfähigkeit.

    Diese Dinge bilden die Physiologie, den dritten Ring, und tragen das Rad. Wie viel Kraft daraus wird, entscheiden die Nabe und der äußerste Ring: ein Grundzustand, in den man gern zurückkehrt, ein Warum, das zieht, und Glaubenssätze, die keine Decke einziehen.

    Die Nabe ist das Innerste des Rades, das Emotional Home und das Warum. Die Felge sind die Lebensbereiche: Hat sie eine Delle, läuft das ganze Rad unrund. Der Reifen sind die Glaubenssätze, das Gummi mit dem eigenen Profil, mit dem das Rad die Straße berührt. Konventionelle Resilienzarbeit setzt meist an der Felge an; der größte Hebel liegt an der Nabe und am Reifen.

    Emotional Insourcing setzt an der Nabe an — dort, wo Resilienz entsteht, bevor sie an der Felge sichtbar wird. Wer das vertiefen will, findet im kostenlosen Workshop einen ersten Schritt.

    Emotional Insourcing ist die bewusste Entscheidung, emotionale Regulierung als eigene Kernkompetenz aufzubauen.

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